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30. Juli 2010 / Richard Synn

Kommunikation 1.0

Wenn ich so nachdenke, dann könnte manch einer schon den Eindruck gewinnen, ich sei — im wörtlichen Sinne — a-sozial: Ich gehe relativ selten aus und habe lange mit einer zum Teil absichtlich übertriebenen Miesepetrigkeit Einladungen abgesagt, auf die ich keine Lust hatte, mit dem Ziel (und dem Ergebnis), dass ich nur noch selten zu etwas gefragt werde. Das hört sich für den ein oder anderen furchtbar an, sind viele doch darauf erpicht, wirklich überall die Nase dabei zu haben. Aber ohne dass ich ein großer Anhänger von Kulturkritikern bin (so schaue ich selbst recht häufig sinnlose Sendungen im Fernsehen und gebe das auch offen zu), muss ich doch sagen, dass mir die “Unreflektiertheit” der meisten Zeitgenossen auf den Zeiger geht. Auf der einen Seite scheint jeder auf der Suche nach einem ominösen Lebenssinn zu sein, reflektiert seine eigene Position, sein eigenes Handeln und vor allem seine Kommunikation aber in keinster Weise.

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, der mich davon abhält, mich in Web-Plattformen, die als Social Software gelten, großartig zu beteiligen. Ich bin noch bei einer angemeldet und das ist soweit ja auch alles in Ordnung. Aber wenn ich den Knilch erwische, der sich die Status-Meldungen ausgedacht hat, kann er davon ausgehen, dass sein Status bald “unschön zugerichtet” lautet.

Diese Plattformen sind in aller Regel ein großer Zirkus von Selbstdarstellern, in dem jeder um die Gunst und Aufmerksamkeit des Publikums buhlt. Da ich mit den meisten Menschen, die mir virtuell mitgeteilt haben, mich zu “kennen”, im wahren Leben wohl kein Wort wechseln würde (weil es nichts zu bereden gibt), interessiert mich auch das meiste ihrer Geschichte nicht. Das beruht auf Gegenseitigkeit, aber ich wage die These aufzustellen, dass das nicht jeder auf Anhieb zugeben würde.

Nun besteht ja die Möglichkeit, sich nur Meldungen von bestimmten Personen anzeigen zu lassen und auch ich habe noch nicht alle ausgeblendet. Ab und an scheinen einige dieser kurzen Kommunikate ja auch tatsächlich sinnvoll zu sein. So geschehen bei einem Bekannten, dessen Wagen gestohlen wurde und das direkt online verbreitete. In der Tat ist die Wahrscheinlichkeit gar nicht so klein, dass jemand den von ihm noch einmal beschriebenen Wagen entdeckt, noch bevor die Polzei es tut. Aber man braucht kein Kommunikationsexperte zu sein, um zu wissen, dass zu einer gelungenen Kommunikation immer auch ein solcher Anlass gehört. Wenn ich dann aber Meldungen (überdies von Leuten, die ich nur über zehn Ecken kenne) lese, wie z.B. :-( oder “Kacke!”, dann merke ich, wie mir der Kamm schwillt. Das hat weniger mit der Online-Kommunikation zu tun, denn Energiesauger mag ich auch im “real life” nicht. Nur hier besteht für diese unangenehmen Zeitgenossen die Möglichkeit, die halbe Welt mit ihrem Mist zuzumüllen. Sie könnten auch schreiben: “interessier dich für mich!”, “frag, was los ist!” usw. Das wäre zwar ehrlich, aber wahrscheinlich würde bei dieser Ehrlichkeit auffallen, dass das Ganze ziemlich arm ist. Wem es wirklich “kacke” geht, der hat nicht die Muße und setzt sich an den Rechner, ums im Web zu posten.

Neben einem Anlass gibt es ja auch immer noch einen Empfänger des Ganzen. Auf dessen Meinung wird aber häufig eh keinen Wert gelegt:

  • Person A, 01.02.2010, 22:23 Uhr: Jetzt geht’s ab!
  • Person B, 01.02.2010, 22:25 Uhr: Aha, was machst Du?
  • Person A, 02.02.2010, 15:43 Uhr: Wir waren in XYZ…
  • Person B, 02.02.2010, 15:59 Uhr: Hättest ja auch mal Bescheid sagen können. Wär gern mitgegangen.

Was hatte Person A für einen Grund, offenbar eine Sekunde vor Aufbruch noch einmal zu schreiben, dass es “jetzt abgeht”? Man darf Geltungsbedürfnis vermuten. Mir fällt kein anderer Grund ein, etwas zu schreiben und sich dann auszuloggen, ohne irgendeine Reaktion abzuwarten. Kommunikation in eine Richtung ist ziemlicher Mist. Man stelle sich vor, man trifft auf der Straße ein bekanntes Gesicht und sagt: “Gestern haben wir einen Urlaub gebucht. Mauritius. 4000 pro Person” und geht dann einfach weiter. Man merkt, die Vorstellung mutet absurd an. Aber nicht viel anders liegt die Sache bei der Online-Kommunikation auf Social-Software-Plattformen.

Nicht die Technik, sondern die Menschen sind also mein Problem. Und dass, obwohl so viele von denen “zwar ein bisschen verrückt, aber eigentlich ganz in Ordnung” sind. Ach nee, warum ist mir das im persönlichen Kontakt noch nie aufgefallen?

Wahrscheinlich bin ich einfach nur neidisch, dass ich a) diesem ganzen Hype nicht so viel abgewinnen kann wie andere und b) dass ich mir nicht einfach so wenige Gedanken machen kann, wie viele Zeitgenossen. So unreflektiert durch’s Leben zu gehen, hat ja offenbar keine wirklichen Nachteile. Jeder stellt sich dar, wie er will, kommuniziert unidirektional und was nicht der Selbstdarstellung dient, wird ausgeblendet. Ich denke ja nicht, dass es mir gelingt, diesen Egomanen beizubringen, dass ihr Leben in den meisten Fällen nicht besonderer ist als das jedes anderen Durchschnittsmenschen: mal schön, mal traurig, mal turbulent aber eben auch in vielen Fällen belanglos bis langweilig. Warum ist das so schwer zu akzeptieren?

  1. Turboprinzesschen / Aug 4 2010 16:07

    Viele Leute definieren sich eben nur über Rückmeldung von außen. Schade, dass sie nicht erkennen, 1. wie unfrei und abhängig sie sich dadurch machen und 2. wie leer ihr Leben eigentlich unter der Oberfläche ist…

    Status-Meldungen kann man im Übrigen auch für sehr lustige Scherze nutzen, lieber Richard ;-)

    • Richard Synn / Aug 5 2010 13:08

      Lustige Scherze?

      *grübel*

      Fällt mir im Moment nichts zu ein… Aber ich bin ja auch eher unerfahren in dieser Hinsicht… Falls mir aber selbst mal ein lustiger Scherz einfallen sollte, mach ich ihn persönlich. Oder hier. Die andern Lappen hat das nicht zu interessieren ;)

  2. Anj / Aug 5 2010 09:18

    Ich stimme dir fast vollständig zu. Allerdings ist nicht alles, was “Kommunikation in eine Richtung” ist, gleich schlecht. Man kann damit einfach kurz Momente festhalten, oder Gedanken, oder Zitate und die dann teilen. Aber ja, du hast schon recht, sowas wie “kacke” etc ist echt ganz schön lahm.

    Noch schlimmer finde ich an diesen Plattformen ja die Kategorie “relationship” (muss man sich heutzutage echt darüber definieren?) und wenn es dann bei den Fotoboxen Ultraschallbilder von ungeborenen Babys gibt… Da könnt ich echt schreien.

    • Richard Synn / Aug 5 2010 13:16

      Klar, das mit der Kommunikation in eine Richtung war natürlich nicht generell gemeint, sondern nur auf eben diesen Umstand bezogen. Ansonsten dürfte man ja auch kein Buch gut finden. Da ist (jetzt mal abgesehen von Leserbriefen an den Verlag) ja auch keine dialogische Kommunikation möglich. Nur dort findet zumindest eine Interaktion mit dem Text statt, dessen Bedeutung dann konstruiert werden kann. Das entfällt jedoch bei “kacke!” (alle radikale Konstruktivismus-Anhänger dürfen mich gerne korrigieren) :)

      Ultraschallfotos? Da hab ich ja noch Glück gehabt: Ist mit bisher noch nicht untergekommen… sehr gestört irgendwie.

  3. F / Aug 5 2010 23:24

    Ich muss mich mal kundtun. Gewissermaßen definiere ich mich über deinen ersten Absatz. Wenn ich “kotz” schreibe, dann wenn man sich für jede nicht angenommene Einladung rechtfertigen muss.

    an Anj: Das mit den Ultraschallfotos kenne ich. Ist wahrscheinlich von der selben Person, die wir eigentlich (okay, ich zumindest) gar nicht (mehr) kennen, die aber unbedingt mit mir befreundet sein wollte, weil wir in der selben Abiturstufe waren. Ich kann mich an keinen Kurs erinnern, den ich mit besagter Person zusammen hatte.

  4. Richard Synn / Aug 6 2010 09:37

    Jaja, tu dich nur kund. Willkommen im Club der anonynem Einladungs-Absager!

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